Da ist er nun, mein eigener Blog zum Thema Ki. Ich habe nicht vor, damit die Branche zu revolutionieren oder, in LinkedIn-Sprech, Thought Leader zu werden. Ich brauchte vor allem einen Ort, an dem ich meine Überlegungen, Gedanken, neue Impulse usw. in den Äther blasen kann. Wie schon damals, als ich einen solchen Ort für meine Bücher und politischen Themen brauchte, scheint mir auch dieses mal ein Blog das Mittel der Wahl zu sein. Die Domain gehört mir, ich muss hier keine Algorithmen bedienen, und im schlimmsten Fall werde ich ausgelacht – womit ich gut leben kann.
Buch Berlin und Leipziger Buchmesse
Seit etwas mehr als einem Jahr beschäftige ich mich deutlich mehr mit KI als noch Anfang 2024. Das erste mal lief mir das Thema auf der Buch Berlin über den Weg, einer kleinen Buchmesse in der Hauptstadt. Und es saß mir direkt quer. „Lasst die KI eure Bücher schreiben“ und „Ja, alle Illustrationen sind mit KI entstanden“ und „Die großen Verlage engagieren doch auch keine Designer mehr, sondern lassen die Cover mit KI erstellen“ waren nur einige der Themen. Gleichzeitig gab es Argumente, dass KI für eine Demokratisierung des Schreibens bzw. des Jobs als Autor*in sorge, gerade was Cover und Illustatrionen anginge. Das war für mich der Punkt, an dem ich merkte, dass die Debatte um KI und ihren Einsatz kein Schwarz-Weiß ist, und doch scheint sie mir nur so geführt zu werden. Und sehr emotional.
Auch auf der Leipziger Buchmesse im März war KI natürlich ein Thema. So sehr, dass sich eine der Themenbühnen ausschließlich Künstlicher Intelligenz und ihrer Anwendung in der Buchbranche und kreativen Branche allgemein widmete.
In einem Talk wurden einige steile Thesen aufgestellt, die härteste war: Wir müssten uns nicht mehr mit KI und Urheberrecht auseinandersetzen, das sei unumkehrbar. Auf der Bühne wurde dafür geworben, „…KI als Partner in unsere Reihe auf(zu)nehmen.“
Diese Haltung ist schon für sich grenzwertig, geschädigte Künstler*innen müssten sich mit der Verletzung ihrer Urheberrechte einfach abfinden. Auf einer Messe aber, die sich auf eine Branche fokussiert, in der Kreativität aus mehreren Künsten zusammenkommt, und auf der sehr viele Menschen rumlaufen und ausstellen, die direkt von dem Aufschwung von KI-generierten Inhalten negativ betroffen sind und teilweise um ihre Existenz bangen müssen, sind diese Aussagen äquivalent zu, entschuldigt die Ausdrucksweise, einem ins Gesicht rotzen. Der Tag an der Bühne endete frustriert und resigniert.
Omnipräsenz von KI
Im Herbst 2024 war ich für meinen neuen Arbeitgeber, eine Software-Firma, auf der Smart Country Convention in Berlin. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich sei voll auf Zack, was Digitalisierung angeht. Naja, manchmal denke ich falsch.
Was mir auch dort sehr deutlich auffiel, war die Omnipräsenz von KI. Talks, Programme, Integrationen, Auswertungen usw., die alle KI als zentrales Thema hatten. Natürlich mit anderem Schwerpunkt als auf der Buchmesse. Hier stellte sich mir zum ersten Mal u.a. die Frage, wie es eigentlich mit dem Datenschutz aussieht. Auf der anderen Seite habe ich mit Menschen gesprochen, die erklärten, wo KI tatsächlich sinnvoll ist, z.B. bei der Frühwarnung vor Hochwasser.
Nach der Messe schrieb ich meinen ersten Artikel zum Thema KI.
Frenetischer Jubel für KI im Marketing
Das war, bevor ich die OMR in Hamburg besuchen durfte, und ich endgültig in die innersten Kreise der KI-Hölle hinabgestiegen bin. Ich war schockiert, wie blauäugig, naiv und kurzsichtig mit dem Thema KI umgegangen wird. KI wird bestimmte Jobs irgendwann ersetzen? Jubel. Wir zeigen euch wie das noch schneller geht? Frenetischer Applaus. Sogar die Menschen vor der Kamera können durch KI ersetzt werden? Hallelujah.
Kritische Gedanken? Hinweise auf die Gefahr für Demokratien? Debatten über gesetzliche Regelungen? Fehlanzeige!
Nein, Moment, das ist nicht ganz richtig. Eine Vize Irgendwas von Microsoft Europe hatte tatsächlich den AI Act der EU angesprochen – und deutlich gemacht, wie wenig begeistert sie davon ist. Deutschland hinke eh schon in der KI-Entwicklung hinterher, diese Verordnung schränke Forschung und Entwicklung massiv ein. Dass dieser AI Act dazu da ist, die Menschen in der EU vor negativen Folgen von KI zu schützen, wird bequemerweise ignoriert.
Nach der OMR war ich, was das Thema KI angeht, endgültig fassungslos. KI wird gefeiert wie The Second Coming of Christ. Kritik höre ich hauptsächlich im privaten Bereich, und dort ist es das andere Extrem. KI ist der Untergang der Menschheit, schon bald werden KI-Systeme die Menschheit lenken, unterjochen, ausrotten. Positive Einsätze durch KI wie die Verbesserte Erkennung von Tumoren oder die bereits erwähnte Frühwarnung vor Hochwasser bleiben unkommentiert, oder werden mit „Ja, aber…“ übergangen.
Wo ist die ausgewogene Auseinandersetzung?
Mir fehlt eine differenzierte Debatte, die mehr beleuchtet als „Guck mal, ich kann jetzt auch Videos mit Merz faken“ und „KI zerstört die Arbeitswelt!“, in der sich die Beteiligten nicht genötigt sehen, die eine oder andere Seite einzunehmen, in der sie auch sagen können „In dem Feld von KI kenne ich mich nicht aus.“ Und vor allem vermisse ich eine Auseinandersetzung ohne effektheischerische Propaganda und Angstmacherei: Entweder wird mir eingeredet, wenn ich nicht dieses KI-Modell kenne, nicht jene KI-Agents nutze, und nicht die geheimen Tipps fürs richtige Prompten anwende, werde ich abgehängt und verliere Umsatz, und rückständig sei ich sowieso. Oder mir wird erzählt, ich sei bald arbeitslos und eine KI würde meine Blogartikel schreiben und Videos schneiden, die Demokratien seien dem Untergang geweiht und bald hätte jedes Land seinen eigenen Trump.
Ich bin überzeugt, dass es Menschen gibt, die sich ausgewogen und kritisch mit KI auseinandersetzen, die nicht nur in „Alles Super“ und „Teufelswerk und Untergang“ denken. Aber ich sehe sie nicht. Und durch die reißerischen Beiträge im Netz kommt man kaum dazu, sich die Ruhe und die Zeit zu nehmen, sich wirklich mit KI, ihrem Einsatz in diversen Feldern, den wichtigen Akteuren auf dem Weltmarkt und all den anderen Aspekten auseinanderzusetzen.
Ich will mir diesen Raum jetzt schaffen.
Deswegen gibt es jetzt diesen Blog.
Herzlich Willkommen.
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