Letzten Montag habe ich LinkedIn geöffnet, und einer der ersten Posts, der mir angezeigt wurde, war ein PDF zu Googles Nano Banana Pro.
Nano Banana Pro ist das neueste KI-Spielzeug von Google, das der Gamechanger für Infografiken sein soll. Bisher wiesen Infografiken in diversen Feldern Fehler auf: Die Texte waren nicht korrekt und hatten zahllose Rechtschreibfehler, die einzelnen Elemente waren in deutlich unterschiedlichen Stilen gehalten, und Infografiken als Comic-Version waren eine Scheußlichkeit aus den tiefsten Kreisen der KI-Hölle.
Das will Nano Banana Pro jetzt ändern und verspricht herausragende Infografiken, die sowohl grafisch konsistent und ansprechend sind als auch orthografisch korrekt. Es arbeitet mit Gemini 3, der neuesten Iteration von Googles KI, und soll selbst komplexe Datensätze ansprechend und leicht verständlich aufbereiten.
Zurück zum LinkedIn Post, den ich gesehen habe. Ich habe mir das PDF angeguckt, und wie viele Beiträge auf LinkedIn gibt es Erklärungen, Beispiele, und passend zum Thema KI auch Prompt-Vorschläge. Das erste Beispiel, das gezeigt wird, ist – I kid you not – eine Infografik zum tagesaktuellen Wetterbericht. Schon klar, es ist zur Veranschaulichung gedacht, ein Proof of Concept. Ich weiß aber jetzt schon, dass genau diese Idee reproduziert werden wird. In Anbetracht der veröffentlichten Menge an KI-Content, der ins Netz gestellt wird – laut einer Studie von ahref kommnt nur noch ein Viertel der Websites ohne KI aus. 67,37% der Websites sind wesentlich, wenn nicht ausschlielich von KI gestützt – frage ich mich, ob es das jetzt auch noch sein muss.
Autokannibalismus verbreitet Falschinformationen
Eines der Hauptprobleme ist der Autokannibalismus der KI. Wir alle wissen in etwa, wie die KI-Systeme funktionieren: Nach einem Prompt durchsucht die KI ihr antrainiertes Wissen und in der Regel auch das Web. Dort greift es auf Quellen wie Artikel und Videos zurück und fasst die Funde zusammen. Quellencheck oder Prüfung, ob die gefundenen „Fakten“ der Wahrheit entsprechen, ist dabei eher nebensächlich, wichtig ist, dass die KI uns eine Antwort gibt, uns zufrieden stellt. Auch wenn diese Antwort erfunden werden muss, was in KI-Kreisen „halluzinieren“ genannt wird. Links zu den Quellen werden oft erst nach mehrmaligem Nachfragen ausgegeben, und oft genug stellen sie sich als fehlerhaft oder fehlinterpretiert heraus.
Viele Content Creators, egal ob Influencer, angestellte Marketing Manager*innen oder Privatmenschen, lassen die KI ihre Funde für Social Media, Website oder Blog zusammenfassen. Das macht die KI auch, allerdings nimmt sie als Werkseinstellung immer den Mittelweg. Die Texte sind aufgeblasen, es wird viel geschrieben und wenig gesagt, die Fakten stimmen zwar an vielen Punkten, aber es gibt auch signifikante Fehler, sowohl in den Antworten als auch in der Quellenbestimmung. Laut einer Studie der BBC haben 47% der Antworten mindestens einen „significant issue of any type“, wobei die Informationsbeschaffung, also die Quellenrecherche, das größte Problem ist.
Diese mittelmäßigen Texte mit mal mehr, mal weniger krassen Fehlinformationen landen im Netz – und dienen der nächsten KI-Anfrage als Quelle. Die KI fasst diese bei der nächsten Abfrage wieder zusammen und schreibt einen erneut mittelmäßigen, aufgeblasenen Text, der nach Veröffentlichung wieder als Quelle herangezogen werden kann. Nicht nur die Qualität des Contents im Netz sinkt, auch die KI-Antworten werden dementsprechend fehleranfälliger. Zwar sagt die oben zitierte Studie der BBC auch, dass die Fehlerquote der KI-Systeme sinkt, was unter anderem an der Veröffentlichung neuer Modelle liegt. Trotzdem sind der Fehleranteil und die Verbreitung von Falschinformationen besorgniserregend hoch. Zudem steigt die Nutzung von KI kontinuierlich an, sprich: es gibt mehr Nutzer*innen, die von KI generierte Falschinformationen glauben und verbreiten können.
Infografiken mit Informationen aus der KI
Nano Banana Pro bereitet Infografiken auf Basis von Prompts und den Suchergebnissen aus dem Netz auf. Wie bereits geschrieben, ist in fast der Hälfte aller KI-Antworten mindestens ein signifikanter Fehler enthalten. Diese Fehler landen natürlich auch in der Infografik. Da ein Bild mehr sagt als 1000 Worte, und Menschen angeblich 80% von dem behalten, was sie sehen, gibt es im Marketing den Grundsatz, dass vor allem Bilder, Grafiken und Videos geteilt werden müssen. Klar, diese Art Medien „performt“ auf Social Media am besten.
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Falsche Informationen, visuell zur schnelleren Erfassung aufbereitet, lädt zum Teilen ein – und damit zur schnelleren Verbreitung von Fehlinformationen.
Schweinefraß für Langschwein
Der Begriff AI Slop, zu Deutsch Schweinefraß, bezeichnet den inhaltslosen KI-Content, den man wegkonsumiert ohne groß drüber nachzudenken, der einen gerade genug fesselt, um weiter zu scrollen, aber zu wenig in einem hervorruft, um darüber nachzudenken oder sich auch nur drei Tiktoks später daran zu erinnern, was man überhaupt geguckt hat. Digitaler Schweinefraß, der Langschweinen vorgesetzt wird. Wie passend.

Genau diese Art Content flutet das Internet, überschwemmt Social Media, vor allem Plattformen mit Kurzvideos wie Tiktok und Instagram, und verstopft den Kopf. Durch Nano Banana Pro (und andere Tools) wird das weiter zunehmen. In dem LinkedIn Post wurde als erste Infografik der Wetterbericht verarbeitet. Natürlich soll es ein niedrigschwelliges Beispiel darstellen, aber seien wir mal ehrlich: wie oft greifen überlastete Marketer zum nächstbesten Content auf Niedrigniveau zurück, um notfalls zeigen zu können: „Hey, wir haben was gemacht“? Ich sehe die Infografik für den Wetterbericht schon mit der Caption „In Hamburg scheint im März endlich mal die Sonne. Hurra, noch drei weitere Sonnentage für das Jahr übrig!“ auf Social Media kursieren. Ein Albtraum.
Natürlich wird auch Nano Banana Pro als der nächste KI-Messias gefeiert, dabei ist es nur die nächste KI-Sau, die durchs LinkedIn-Dorf getrieben wird. Die träumerische Vorstellung ist, dass komplexe Themen mit Hilfe von KI recherchiert und direkt in einer Infografik verarbeitet werden. Die Realität wird sein, dass die einfachsten Themen in Infografiken verpackt werden. Der Wetterbericht, wer der aktuelle Bundeskanzler ist und wie man den perfekten Reis kocht, werden nun als Hochglanzgrafiken aufbereitet und als etwas Besonderes hingestellt, obwohl es nichts anderes ist als eine simple Google-Suche.
Brauchen wir das wirklich?
Die Frage, die wir uns stellen sollten, die wir uns immer bei der Nutzung von KI stellen sollten, lautet: brauche ich das jetzt wirklich? Brauche ich wirklich eine Infografik für den perfekten Reis oder als Hilfestellung, Friedrich Merz im Kopf zu behalten?
Ich stelle die steile These in den Raum, dass wir nicht ansatzweise jede (Info-)Grafik benötigen, die ins Netz geblasen wird, um ein erfülltes Leben zu haben oder, um im beruflichen Kontext zu bleiben, mehr zu verkaufen, und vor allem brauchen wir nicht jede Grafik von KI generiert. Aber hey, wer sind wir schon, der aktuellen Sau, bzw. in diesem Fall einer Banane, nicht hinterherzurennen…
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